Replay: Grünes Kino "unverpackt"

Wie nachhaltig können Verpackungen sein? Was bedeutet Kompostierbarkeit konkret? Wie sieht es mit der Recyclingfähigkeit von Materialien aus? Und wie lässt sich der Einsatz von Verpackungen an der Concession-Theke vermeiden? Diese Fragestellungen gehörten zu den Themen, die Expert*innen aus dem Bereich Verpackungen und Abfallwirtschaft, Kinobetreiber*innen sowie Anbieter von Service-Leistungen und Produkten für den Concession-Bereich bei dem Online-Seminar Grünes Kino „unverpackt“ vorstellten, zu dem der Verband HDF Kino gemeinsam mit der Initiative Grünes Kino der FFA und Boxoffice eingeladen hatte.

 

Einen Überblick über die gesetzlichen Anforderungen, die im Rahmen des Verpackungsgesetzes auf die Kinos zukommen, gab Eske Roggen, die als Referentin im Bundesumweltministerium für den Bereich Vermeidung und Verwertung von Verpackungsabfällen und  Wertstoffrückgewinnung zuständig ist. Dazu gehört die neue Einwegpfandpflicht, die am 1. Januar 2022 in Kraft tritt, als auch die Mehrwegangebotspflicht, mit der ab dem 1. Januar 2023 die Vorgaben aus der europäischen Einwegkunststoffrichtlinie im Rahmen des Verpackungsgesetzes umgesetzt werden.

 

Norma Stangl, ö.b.u.v. Sachverständige für das Verpackungsgesetz, die Gewerbeabfallverordnung und das Batteriegesetz, gab Einblick in die Abfallhierarchie, in der das Recycling nur die drittbeste Lösung darstellt. In Deutschland hat sich das Verpackungsaufkommen von Kunststoffen seit 1991 verdreifacht. Zu den Trends im Verpackungsbereich gehören der Einsatz von ressourcenschonenden Verpackungen, Mehrweg und Monomaterialien, ein höherer Rezyklateinsatz  sowie eine Verbesserung der Sortierbarkeit durch Technologie.

 

Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen lassen sich nur bedingt recyceln. Die Anforderungen an die Kompostierbarkeit nach DIN EN ISO 14021 sehen vor, dass 90 Prozent des organischen Materials nach sechs Monaten in einer wässrigen Umgebung in CO2 umgewandelt wird. Bei der Kompostierung in industriellen Anlagen sind die Kompostierzyklen erheblich kürzer. „Bei einer Haupt- und Nachrotte von jeweils unter drei Wochen besteht eine Diskrepanz zu den Anforderungen von EN 13432“, erläutert die Diplom-Kauffrau Norma Stangl.

Verpackungen, Kaffeekapseln und Strohhalme aus Bioplastik gehören weder auf den Kompost noch in die Bioabfalltonne.

Das gilt auch, wenn diese als biologisch abbaubare Kunststoffprodukte beworben werden. Die sogenannten kompostierbaren Kunststoffe können in den Behandlungsanlagen nicht vollständig abgebaut werden, sondern verbleiben als Mikroplastik im Dünger und kontaminieren die Umwelt.

Das Kino P. in der oberbayerischen Kleinstadt Penzberg hat bewiesen, dass es durchaus möglich ist, die Verpackungsabfälle an der Concession-Theke erheblich zu verringern. „Wir haben unseren Verpackungsmüll um etwa 65 Prozent reduziert“, erklärt die Kinobetreiberin Claudia Wenzel. Kleine Verpackungen aus Plastik oder Alu sind ebenso aus dem Kino P. verbannt worden wie Plastikstrohhalme, beschichtete Einwegbecher oder Behälter aus Kunststoff. Süßwaren, Schokolade, vegane Gummibären und Studentenfutter werden in Großpackungen bezogen und an der Theke in große Bonbongläser umgefüllt.

 

Dabei ist darauf zu achten, dass angebrochene Großpackungen dicht verschlossen werden. Die Gewinnspannen sind bei den hochwertigeren Produkten etwas geringer, aber dafür sind die Großpackungen im Einkauf deutlich günstiger als kleinere Größen. „Wir generieren den Concession-Umsatz hauptsächlich aus Popcorn und Getränken“, erläutert die Kinobetreiberin. „Alles andere sehen wir mehr als Service zur Kundenbindung mit kleinem Überschuss.“

„Ich finde es extrem wichtig, dass wir uns als Branche diesem  Thema widmen“, betont Andreas Hufer, Head of Sales & Business Development der Kinopolis Management Multiplex GmbH. „Ich bin begeistert von der Konsequenz wie Frau Wenzel das Thema unverpackt umgesetzt hat. Es ist wichtig, dass wir das als Branche gemeinsam angehen, auch wenn wir große Unterschiede in den Konzepten haben.“ In den sechzehn Multiplexen der Kinopolis-Gruppe werden bereits seit Juli 2021 nur noch Mehrwegglasflaschen an der Concession-Theke angeboten. Die Umstellung hat weder operativ noch wirtschaftlich zu Problemen oder Kostensteigerung geführt. „Wir haben dieselben Umsätze wie bisher und es wird sehr gut angenommen.“

 

Bereits im Frühjahr 2019 ist im Mathäser in München im Dolby Cinema der Ausschank von Softdrinks in Mehrwegbechern getestet worden. Inzwischen werden in den Kinopolis-Kinos keine Einwegbecher mehr eingesetzt. Seit Ende November 2021 werden in sämtlichen Kinopolis-Multiplexen ausschließlich Mehrwegbecher verwendet, nachdem es bei Einwegbechern seit dem Sommer zu Lieferengpässen gekommen war. Jetzt wird im operativen Geschäft daran gearbeitet, das System zu optimieren. Um dem Becherschwund Einhalt zu bebieten, sollen Abräumstationen im Kino platziert werden, an denen die Gäste ihre Becher zurückgeben können. Im Kinosaal werden die Gäste mit einem Werbespot darauf hingewiesen, die Mehrwegbecher zurückzugeben, damit diese gespült werden und im Kreislauf verbleiben.

Auf Mehrweglösungen spezialisiert hat sich das Unternehmen Recup. „Unsere Vision ist, Einweg abzuschaffen, denn wir sind davon überzeugt, dass wir das in der Hand haben“, sagt Lisa Henze, Head of Key Account bei Recup. An dem deutschlandweiten Pfandsystem beteiligen sich mittlerweile 10.000 Ausgabe- und Annahmestellen, bei denen die Becher und Schalen wieder zurückgegeben werden können. Die Pfandabwicklung soll künftig auch per App möglich sein. Die Becher sind BPA-frei, spülmaschinenfest, gut stapelbar und bestehen zu hundert Prozent aus Polypropylen, so dass sie recycelbar sind. Neu im Pfandsystem sind die Rebowl mit Trennsteg und ab dem Frühjahr 2022 kommen transparente Becher für Kaltgetränke in den Größen 0,3l, 0,4l und 0,5 l hinzu.

 

Das Einsparpotenzial, das mit dieser Lösung verbunden ist, lässt sich online mit Hilfe eines Mehrwegrechners ermitteln. Bei diesem System sind die Teilnehmenden gefordert, die Becher und Schalen selbst zu spülen. Es seien bereits Tests mit einer externen Spül-Logistik vorgenommen, die sich derzeit weder ökologisch noch ökonomisch rechneten. Daher sei es für alle Betriebe am kostengünstigsten und am umweltfreundlichsten, die Becher selbst zu spülen.

 

An nachhaltigen Lösungen für den Concession-Bereich arbeitet die PCO Group. Dazu gehören Verpackungen für Popcorn, Nachos und Kaltgetränke, aber auch Rohstoffe wie Mais, Nacho-Chips und Fette. „Wir möchten verifizierbar nachhaltige Rohstoffe einsetzen und bedenkliche Rohstoffe vermeiden“, erklärt Bernhard Wettlaufer, Geschäftsführer der PCO Group. Die Popcorn-Fette von PCO enthalten kein Palmöl mehr. „Wir legen aber auch einen Fokus auf die Funktionalität der Verpackungen im System Kino, die an großen Kino-Theke sehr auf Geschwindigkeit ausgelegt sein müssen.“

 

Die PCO Group bietet spülmaschinenfeste IML-Becher in den Größen 0,5l, 0,75l und 1l-Größen an, für die bei Bedarf auch ein Reinigungsservice in Anspruch genommen werden kann. „Das hat den Nachteil, dass durch die Transportwege zusätzliches CO2 anfällt und es nicht so kosteneffizient wie die Reinigung im Kino ist.“ 2022 will das Untenehmen den Kinos eine hochleistungsfähige Spülmaschine für die Reinigung von Getränkebechern vorstellen.

 

Über keine gute Ökobilanz verfügen hingegen Nacho-Trays aus Zuckerrohrfasern, denn dabei fallen nicht nur lange Transportwege an, sondern sie enthalten auch Pestizide und Herbizide. „Bei den Produkten, die wir bei der SGS gestestet haben, sind Rückstände von Agrarchemikalien gefunden worden sowie Chemikalien zum Aufbau von Wasser- und Fettbarrieren“, berichtet Bernhard Wettlaufer. „Wir suchen nach einer europäischen Lösung, um alle Standards einhalten zu können.“